Leistung = Selbstwert?!: 5 Anzeichen dafür, dass du dich zu stark mit deiner Doktorarbeit identifizierst

Wenn ich allen Doktorand:innen zu Beginn der Promotion eine magische Pille geben könnte, dann wäre das eine, die ihnen bewusst macht, dass sie nicht ihre Promotion SIND. Denn viele machen den gleichen Fehler wie ich damals und identifizieren sich 1:1 mit ihrer Arbeit.

Ich verspreche dir: Das ist die schnellste Abkürzung in Unglück, Burnout und ein wissenschaftliches Arbeiten, mit dem du weit hinter deinen Möglichkeiten bleibst.

In diesem Artikel stelle ich dir fünf Symptome vor, die darauf hindeuten, dass du dich zu stark mit deiner Promotion identifizierst, erkläre dir die häufigste Ursache dafür und zeige dir auf, wie du deine Identifikation mit deiner Diss auflösen kannst. Außerdem erfährst du, warum das nicht nur gut für dich, sondern auch für deine Arbeit ist.

Anzeichen dafür, dass du dich zu sehr mit deiner Promotion identifizierst

1. Du hast Angst vor Kritik

Kennst du das:

  • Du schreibst einen Satz und währenddessen kommen dir schon drei Personen in den Kopf, die daran was zu kritisieren hätten? Daraufhin sitzt du stundenlang daran, diesen einen Satz perfekt und wasserdicht zu formulieren – und gibst irgendwann entnervt und ausgelaugt auf.
  • Nichts was du machst, scheint dir gut genug, um es deiner Betreuerin:deinem Betreuer zu schicken? Du kannst während des Schreibens schon ihre:seine Enttäuschung spüren und die kritischen Kommentare am Dokumentrand sehen?
  • Du schiebst das Arbeiten an wichtigen Texten oder Vorträgen immer wieder auf, bis es am Ende richtig stressig ist und du nur noch mit Ach und Krach was hinbekommst?

Das alles können Zeichen sein, dass du Angst davor hast, kritisiert zu werden oder Verbesserungsvorschläge zu bekommen. Wenn du etwas liest oder hörst, das deine Hypothesen, Methode oder Analyse in Frage stellt oder suggeriert, dass du etwas hättest besser machen können, verkrampft sich dein Magen. Vielleicht schnürt sich auch dein Brustkorb zusammen, so dass du schwer Luft bekommst. Oder du bekommst hektische rote Flecken. Auf jeden Fall versetzt Kritik deinen Körper in absoluten Alarmzustand. Er signalisiert dir: „Lebensgefahr!“ – kein Wunder, dass du dieses Gefühl um jeden Preis vermeiden willst.

2. Kritik geht dir direkt ins Herz

Neben der körperlichen Reaktion geht dir jede Art von Kritik außerdem direkt ins Herz. Sie verletzt dich und führt schnell dazu, dass du dich und deine Fähigkeit, zu promovieren, in Frage stellst. Du nimmst Kritik persönlich und glaubst, dass sie etwas über deinen Wert als Mensch aussagt. Vielleicht musst du sogar manchmal weinen, wenn du nicht die erhoffte positive Rückmeldung zu einem Text bekommst, und zweifelst schnell an deiner Kompetenz, wenn jemand eine deiner Thesen oder Interpretationen anzweifelt.

3. Du arbeitest regelmäßig über ein für dich gesundes Pensum hinaus

Ein weiteres Anzeichen dafür, dass du dich zu sehr mit deiner Promotion identifizierst: Du überforderst dich regelmäßig mit deinem Arbeitspensum. Arbeiten von früh bis spät, keine sinnvollen Pausen (für Anregungen dazu vgl. die Blogartikel zur Pomodoro-Technik und zu Pausen), zu wenig Schlaf – das Weiterkommen an der Promotion hat für dich absolute Priorität. Du hast kein gesundes Maß für dich, wie du dir die Arbeit an diesem langen Projekt so einteilst, dass du langfristig gesund und leistungsfähig bleibst. Daher wechseln sich wahrscheinlich sehr intensive Arbeitsphasen (insbesondere vor Deadlines) mit Phasen ab, in denen du zu wenig bis gar nichts in der Lage bist – oder du fühlst dich einfach dauerhaft erschöpft.

4. Du vernachlässigst andere wichtige Lebensbereiche wie Gesundheit, Partnerschaft oder Soziales

Hast du noch ein Leben neben der Promotion? Wie oft machst du Sport, gehst in die Natur, hast Kontakt mit Freund:innen und Familie, verbringst unbeschwerte Zeit mit deiner:deinem Partner:in, liest mal was, das nichts mit der Diss zu tun hat?

Ich möchte hier nicht den schwammigen Work-Life-Balance-Begriff bemühen, dafür aber auf das anschauliche Konzept der „Lebenssäulen“ hinweisen: Ein gelingendes und langfristig gesundes Leben ruht auf den Säulen Beruf/Leistung, Familie/Soziales, Gesundheit/Körper, Werte/Sinn und materielle Sicherheit (mehr dazu in meinem Artikel zur Jahresplanung). Wenn du dich zu stark mit deiner Promotion identifizierst, kann das dazu führen, dass du dauerhaft eine oder mehrere dieser Säulen vernachlässigst.

5. Du hast sehr hohe Ansprüche an deine Leistung und das Gefühl, etwas Schlimmes passiert, wenn du diese nicht erfüllst

Jeder Satz muss perfekt sein und jede Argumentation wasserdicht? Deine Dissertation muss das Feld revolutionieren? Du willst deiner:deinem Betreuer:in oder deinem Stipendiengeber beweisen, dass die in dich gesteckten Hoffnungen berechtigt sind? Und du hast das Gefühl, dass du es nicht aushalten könntest, wenn du deine eigenen und/oder die (imaginierten) Ansprüche von anderen nicht erfüllen kannst – du würdest lieber im Erdboden versinken, als das zu erleben? Auch das kann ein Zeichen dafür sein, dass du dich zu sehr mit deiner Promotion identifizierst.

Die Hauptursache dafür, dass du dich mit deiner Promotion identifizierst

Eines erstmal vorab: Wenn du bei dieser „Checkliste“ auch nur einen Haken gemacht hast – ich fühle mit dir! Ich kenne alle Symptome aus meiner eigenen Promotionszeit. Lange habe ich mich sehr stark mit meiner Dissertation identifiziert und hatte bei Diskussionen in Kolloquien, Fragen auf Konferenzen oder kritischem Feedback von meiner Doktormutter oft das Gefühl, es ginge um Leben und Tod – um Daseinsberechtigung oder Fall ins bodenlose Nichts.

Die Ursache dafür, dass du dich so stark mit deiner Arbeit identifizierst und Kritik dich bis ins Mark trifft: Du hast vermutlich irgendwann folgende Gleichung gelernt: Leistung = Liebe = Wert (=Daseinsberechtigung). Du hast gelernt, dass du nur, wenn du dich besonders anstrengst und besondere Ergebnisse produzierst (z. B. Noten), auch wahrgenommen wirst – z. B. von deinen Eltern, Lehrer:innen oder anderen wichtigen Bezugspersonen. Auch Diversitätsdimensionen wie Gender, soziale Herkunft oder Migrationsgeschichte können eine wichtige Rolle für die Entstehung einer solchen Gleichung spielen.

Viele von uns entdecken also irgendwann, oft früh in unserer Kindheit, dass uns gute Leistung Aufmerksamkeit oder gesellschaftliche Anerkennung bringt – und das verwechseln wir mit Liebe. So bilden wir einen Selbstwert aus, der nicht einfach „ist“, weil wir sind (=Liebe), sondern der abhängig ist von erbrachter Leistung, die von außen validiert wird.

Kleine Anekdote dazu: Ich habe lange gerätselt, wie diese Gleichung bei mir entstanden war. Meine Eltern haben mich beispielsweise nie zu besonderen Leistungen in der Schule oder anderen Bereichen gepusht. Irgendwann habe ich dann aber verstanden, dass (elterliche)Aufmerksamkeit/Liebe/Zuwendung immer Mangelware für mich gewesen ist (das war zumindest meine Wahrnehmung als kleines Kind – und darum geht es), weil beide Eltern Vollzeit gearbeitet haben, seit ich ein Jahr war. Schon im Kindergarten entdeckte ich dann, dass ich bei besonderer Leistung – in meinem Fall dem schnellen Bearbeiten von Bastelmappen – besondere Aufmerksamkeit bekam: von den Kindergärtnerinnen und von meinen Eltern. Ich fühlte mich gesehen, wertgeschätzt, geliebt. Dieses Muster habe ich dann einfach bis zur Promotion beibehalten.

So lange wir so ein Muster nicht reflektieren und verändern, tragen wir alle ein „inneres Kind“ in uns, das nach wie vor nach dem gleichen Mechanismus funktioniert und unser Denken, Handeln und Fühlen unbewusst steuert.

Wenn du magst, kannst du mal überlegen: Wann und wie hast du in deinem Leben gelernt, dass Leistung = Liebe ist?

Deine Dissertation ist eine Qualifikationsarbeit, die außerhalb von dir liegt

Glücklicherweise sind wir nun alle keine Kinder mehr, deren Leben von der Aufmerksamkeit unserer Eltern abhängt – oder im Falle der Promotion: deren Wert als Mensch von der Rückmeldung auf einen Text, den wir geschrieben haben, abhängt.

Dieses alte Kindheitsmuster verdeckt nämlich die tatsächliche Sachlage, die dein Leben um einiges einfacher macht: Deine Dissertation ist eine Qualifikationsarbeit, die außerhalb von dir liegt, und die wie jedes Stück Arbeit begutachtet, bewertet und verbessert werden darf. In der Bedeutung von “Qualifikationsarbeit“ steckt für mich außerdem, dass dich viele „Lehrer:innen“ und Mentor:innen dabei unterstützen dürfen.

Als erwachsener Mensch darfst du dir klar machen: Du bist wertvoll, einfach, weil du bist. Du gibst dein Bestes, und das ist gut genug. Und du darfst Fehler machen und dazu lernen, wie das jede:r Mensch, und insbesondere jeder Mensch in Ausbildung, tun darf.

Warum es besser für dich UND deine Dissertation ist, Selbstwert und Leistung zu entkoppeln

Deinen Selbstwert von deiner Leistung zu entkoppeln, hat offensichtliche Vorteile für dich: Dein Stresslevel sinkt, du spürst mehr Freude beim Arbeiten, priorisierst deine psychische und physische Gesundheit und hast wieder ein Leben jenseits der Promotion. Du kannst ein gutes, selbstbestimmtes Leben führen, weil du dich nicht mehr emotional beuteln (=fremdbestimmen) lässt, je nachdem, welche Rückmeldung du gerade mal bekommst.

Das ist vermutlich ziemlich logisch und einleuchtend und könnte schon Grund genug sein, dein Mindset zu ändern, oder?

Aber hast du auch schon mal überlegt, dass es auch Vorteile für deine Arbeit hat, Kritik nicht persönlich zu nehmen? Sieh es mal so: Deine Arbeit wird dann die beste, die sie werden kann, wenn du jede Kritik sachlich abwägen und für die Verbesserung deiner Arbeit nutzen kannst. Und sollte es am Ende nicht genau darum gehen: den bestmöglichen Beitrag zur Wissenschaft leisten, den du mit dieser Qualifikationsarbeit erreichen kannst? Was bringt uns weiter, gesamtgesellschaftlich: Ego oder das in-den-Dienst-stellen unserer Fähigkeiten für die Sache, für die wir unterwegs sind?

Dein neues Motto: Ich SCHREIBE eine Dissertation

Wenn du jetzt bereit bist, dich von deiner Dissertation abzunabeln, empfehle ich dir, dafür ein Motto – genauer, in Coachingsprech: eine persönliche Affirmation  – zu nutzen und diese regelmäßig zu wiederholen. Die hilft dir dabei, neue Bahnen im Gehirn zu schaffen und so dein Denken über dich, die Promotion, Selbstwert und Leistung nach und nach zu verändern.

Ab jetzt könnte deine neue Affirmation lauten:

„Ich BIN nicht meine Dissertation. Ich SCHREIBE eine Dissertation. Und das ist gut so!“

Na, was meinst du – hast du Lust, diese magische Pille jetzt zu schlucken?!

Wenn du merkst, dass die Auflösung der Verknüpfung deines Selbstwerts mit Leistung nicht so einfach geht (tatsächlich dauert es leider etwas länger, als eine Pille zu schlucken oder einen Blogartikel zu lesen) – nicht verzagen! Das ist oft ein Thema in meinen Coachings, zu dem ich intensiv mit meinen Coachees arbeite und sie in diesem Prozess unterstütze. Wenn du möchtest, schau dir also gern mein 1:1 Coachingprogramm „Find Your Flow” oder mein Jahrescoaching-Angebot an.

Es hilft außerdem sehr, in einer Community von Leuten unterwegs zu sein, die ein ähnliches Mindset haben oder auch gerade daran arbeiten. In meiner Online-Coworking-Community für Promovierende kannst du Kontakt zu 50 anderen Promovierenden bekommen, die sich ebenfalls zum Ziel gesetzt haben, selbstbestimmt und selbstbewusst zu promovieren. Es gibt regelmäßige gemeinsame virtuelle Coworking-Sessions und du kannst dich in Webinaren, Gruppencoachings und Peer-Gruppen mit anderen austauschen.