Perfektionismus in der Wissenschaft (I): Ursachen und Auswirkungen von zu hohen Ansprüchen beim Promovieren – und warum das unter Doktorand:innen so verbreitet ist

Die dreißigste Literaturrecherche, die zwanzigste Textüberarbeitung, die zehnte Korrekturschleife – ist das noch notwendige wissenschaftliche Sorgfalt oder schon Perfektionismus? Das ist oft schwer zu sagen, denn die Grenze verschwimmt. Dieser Artikel hilft dir dabei, zu überprüfen, ob deine hohen Ansprüche perfektionistische Tendenzen haben und zu verstehen, woher diese kommen können.

Über Perfektionismus in der Wissenschaft aufzuklären ist mir sehr wichtig, weil ich während meiner Promotion selbst perfektionistisch geworden bin und daran fast gescheitert wäre. Meine völlig überhöhten und unrealistischen Ansprüche waren Mit-Ursache einer langen Prokrastinationsphase, in der ich eine depressive Symptomatik entwickelte. Von mir selbst und aus meinen Coachings mit Doktorand:innen weiß ich daher, wie groß der Leidensdruck sein und wie gefangen man sich in den eigenen Ansprüchen fühlen kann.

Dieser Artikel ist der erste einer zweiteiligen Serie. Im zweiten Teil schreibe ich über Strategien, wie du mit Perfektionismus umgehen kannst. Weil die Grundlage dafür ist, die Merkmale und Ursachen zu verstehen, starte ich in diesem Artikel mit Definition, Auswirkungen, Ursachen und Gründen für seine weite Verbreitung unter Doktorand:innen – denn du bist nicht allein damit!

Was ist Perfektionismus und warum ist Perfektionismus ein Problem?

Eigentlich ist an Perfektionismus im Grunde erstmal nichts auszusetzen. Ganz wertneutral bezeichnet Perfektionismus nämlich zunächst einfach die Überzeugung, dass perfekte Zustände existieren und dass Menschen versuchen sollten, sie zu erreichen. [1: 26]. Der Begriff „perfekt“ kommt von perfectus (lat.) und bedeutet das „fertig Gemachte“ oder „zum Ende gebrachte“. Entsprechend galt früher etwas dann als „perfekt“, wenn etwas endgültig abgemacht oder abgeschlossen, wenn also keine Nachbesserung mehr möglich war [1: 3].

Perfektionismus wird dann problematisch und dysfunktional, wenn er ein Grundmuster ist

„in dem Erfolgs- und Leistungsdenken – an dem grundsätzlich nichts auszusetzen ist – mit überhöhten Ansprüchen, dem Wunsch nach Fehlerlosigkeit, starrem Verlangen, den externen Maßstäben entsprechen zu müssen, sowie Schamgefühlen und Selbstabwertungen zusammenkommt“ [1: 2].

Wenn uns das Streben nach dem Makel- und Fehlerlosen also mehr schadet als nützt.

Perfektionist:innen können ihre Ansprüche an eine Tätigkeit nicht herunterschrauben, selbst wenn sie darunter leiden, sie umsetzen zu wollen, und werten sich extrem dafür ab, wenn sie diese nicht erreichen. Kennzeichnend ist darüber hinaus ein „dichotomer Denkstil“ [1: 14] – die Ausführung einer Aufgabe ist entweder perfekt oder wird als komplett mangelhaft bewertet.

Perfektionismus ist gekennzeichnet durch drei Charakteristika [1: 27]:

1) Extrem hohe Maßstäbe: Perfektionist:innen haben sehr ehrgeizige Ansprüche (an sich selbst oder anderen gegenüber), die von Außenstehenden gewöhnlich als übertrieben und unvernünftig angesehen werden

2) Rigidität der Maßstäbe: Selbst bei negativen Folgen können die hohen Maßstäben nicht aufgegeben werden

3) Erfolgsabhängiger Selbstwert: Der eigene Wert wird größtenteils an der Fähigkeit, diese Maßstäbe zu erfüllen gemessen. Wenn sie nicht erreicht werden, erfolgt starke Selbstkritik und –abwertung.

Darüberhinaus werden drei Dimensionen unterschieden, die auch alle gleichzeitig bei einer Person vorkommen können [1: 13f.]:

1 ) Selbstgerichteter Perfektionismus:

Eine Person strebt nach perfektionistischen Maßstäben, die sie sich selbst gesetzt hat und wertet sich selbst ab, wenn sie diese nicht erreicht. Wird manchmal auch „selbstverurteilender Perfektionismus“ genannt.

2 ) Sozialer Perfektionismus:

Personen fühlen sich zu Perfektionismus gedrängt, weil sie annehmen, andere haben extrem hohe Ansprüche an sie, die sie erfüllen müssen. Die Anstrengungen sind also extrinsisch motiviert. Auch: „angepasster Perfektionismus“.

3 ) Außengerichteter Perfektionismus:

Auch „vorwurfsvoller Perfektionismus“: Die Betroffenen erwarten sehr viel von anderen, die ihre Maßstäbe erfüllen sollen.

Gesundes Streben nach Exzellenz vs. ungesunder Perfektionismus beim Promovieren

„Aber meine Dissertation MUSS doch sehr hohen Ansprüchen genügen – ich muss die doch perfekt machen, sonst wird das alles in den Gutachten und in der Disputation auseinandergenommen“, magst du dir jetzt vielleicht denken. Deshalb lass uns kurz über den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen einem gesunden Streben nach guter Leistung und ungesundem Perfektionismus sprechen.

Dir persönlich ambitionierte Ziele zu setzen und diese so zu verfolgen, dass es dich fordert und erfüllt, ist absolut in Ordnung! Natürlich „darfst“ du dir zum Ziel setzen, eine hervorragende Dissertation zu schreiben. Das allein ist überhaupt kein Problem und hat auch nichts mit Perfektionismus zu tun. Und klar ist auch, dass es bestimmte fachliche und formale Anforderungen an eine Dissertation gibt, denen genügt werden muss. Hat auch nichts mit Perfektionismus zutun.

Problematisch wird es erst dann, wenn…

…du tatsächlich glaubst, dass eine „perfekte“ Doktorarbeit möglich ist (oder ein „perfekter“ Artikel). Das ist sie nämlich nicht. Es liegt in der Natur des wissenschaftlichen Arbeitens, dass du NIE alles gelesen haben kannst, was es zu deinem Thema gibt, du nie ALLE Argumente findest und deine Argumentation nie 100% unangreifbar ist. Es trotzdem zu versuchen wird dich kaputt machen.

.…deine hohen Ansprüche rigide sind, no matter what, und dein Selbstwert abhängig ist von deiner Leistung (= von externer Bewertung). Problematisch deshalb, weil die Rigidität der Ansprüche dazu führt, dass du sie immer weiterverfolgst, egal wie viele negative Konsequenzen (s.u.) du dabei spürst. Die Verknüpfung von Selbstwert und Leistung bei Misserfolg führt zudem zu starker Selbstkritik, die einen Teufelskreis aus Selbstabwertung, (weiterem) Misserfolg und (noch schlimmerer) Selbstkritik in Gang setzen kann (lies dazu auch meinen Artikel „5 Anzeichen dafür, dass du dich zu stark mit deiner Doktorarbeit identifizierst“)..

…du (unbewusst) versuchst, durch „perfektes“ Arbeiten die Bewertung deiner Dissertation, Artikel oder Vorträge zu kontrollieren. Du also z. B. sämtliche mögliche Kritikpunkte antizipieren und abdecken willst. Auch das ist natürlich schlichtweg unmöglich. Andere Personen werden IMMER neue Perspektiven auf deine Arbeit liefern, egal wie sehr du dich anstrengst, alles „wasserdicht“ zu machen. Und egal wie sehr du dich anstrengst – welche Note du am Ende auf die Dissertation bekommst, kannst du nicht kontrollieren.

Wenn du dich mit deinen perfektionistischen Tendenzen auseinandersetzt und etwas ändern willst, geht es also nicht unbedingt darum, deinen Anspruch, eine sehr gute Arbeit zu schreiben, zu senken – auch wenn es Teil der Arbeit sein kann, realistischere Maßstäbe zu entwickeln (z. B. zu verinnerlichen, dass eine Dissertation eine Qualifizierungsarbeit ist, die aufgrund der zeitlichen Beschränkung und der Natur des wissenschaftlichen Arbeitens NIE „perfekt“ sein wird).

Es geht vor allem darum, so haben es Shafran et al. schön beschrieben, die starke Abhängigkeit von Erfolg und Selbstwert aufzulösen und dir durch die Flexibilisierung deiner Maßstäbe wieder eine Wahl zu geben, wie du deine Arbeit so gestalten und dein Leben so leben kannst, dass es dir dabei gut geht [2: 83]. Und es geht darum, zu sehen, dass du zwar das kontrollieren kannst, was du machst – aber nicht, wie andere Menschen darauf reagieren.

 

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Perfektionismus und Selbstwert

Viele perfektionistische Menschen haben einen bedingten erfolgsabhängigen Selbstwert. Das bedeutet,

„dass die gesamte Beurteilung der Person von bestimmten Umständen in der Welt abhängig gemacht wird.“ [1: 30].

Diese Umstände sind in der Regel das Erreichen der eigenen Ziele oder das Erhalten von Anerkennung durch andere Menschen. Spannend: Der bedingte leistungsabhängige Selbstwert ist erstmal eine von drei Komponenten eines normalen Selbstwerts – wird aber dann zum Risikofaktor, wenn er zum Hauptbestandteil des Selbstwerts eines Menschen wird [1: 30]. Denn das hat zur Folge, dass der Selbstwert instabil und stark fluktuierend ist.

Wenn ein Mensch mit starkem leistungsabhängigen bedingten Selbstwert einen Fehler macht oder ein gestecktes Ziel nicht erreicht, kommt es automatisch zur Abwertung der gesamten Person (und nicht etwa nur des Verhaltens):

„[…] einen Fehler machen ist fast genauso schlimm wie komplett zu versagen“ [1: 30].

Es ist daher nicht überraschend, dass eine Studie einen Zusammenhang zwischen erfolgsabhängigen Selbstwert und der Entwicklung von Depressionen bei Menschen mit hohen Maßstäben festgestellt hat [3].

Es gibt auch Perfektionist:innen mit unbedingtem negativen Selbstwert. Dieser liegt oft vor im Fall von sogenanntem „sekundären Perfektionismus“: Hier ist das Perfektionsstreben ist Mittel zu einem wichtigeren Zweck – z. B.

„zur Kompensation einer wahrgenommenen Minderwertigkeit: Solange man fehlerfrei Höchstleistungen bringt, spürt man diese nicht mehr so deutlich“ [4].

Hier gibt es möglicherweise einen interessanten Link zum Impostor Syndrom, denn diese Form von Perfektionismus ist durch folgendes gekennzeichnet:

„Egal wie viele Erfolge jemand verzeichnen kann, letztlich ist er doch davon überzeugt, ein Versager zu sein“ [1: 31].

Ursachen von Perfektionismus

Hinsichtlich der Frage danach, wie und warum sich Perfektionismus entwickelt, gibt es einige Vermutungen, aber noch nicht viele belastbar belegte Fakten. In der Literatur wird u. a. von „Elternfaktoren“ (z. B. Ausdruck hoher Erwartungen, negative Konsequenzen bei Fehlern, perfektionistisches Verhalten der Eltern…) und „Kind-Faktoren“ (z. B. erhöhte Ängstlichkeit) gesprochen.

Aber auch gesellschaftliche und mediale Einflüsse können eine Rolle spielen – z. B. Faktoren wie Geschlecht, soziale Herkunft oder Migrationsgeschichte  (etwa wenn man [oft wiederholt] die Erfahrung gemacht hat, dass man sich besonders anstrengen oder besonders anpassen muss, um dazuzugehören) und soziale Medien tragen möglicherweise durch die ständigen Vergleichsmöglichkeiten dazu bei, unrealistische Erwartungen an sich zu entwickeln. Zudem gibt es wahrscheinlich eine genetische Komponente.

Egal, was die ursprüngliche Ursache von Perfektionismus ist, eines kann man festhalten: Wenn perfektionistisches Verhalten fortgeführt wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass es immer wieder durch andere Menschen „belohnt“ und dadurch verstärkt wurde (und wird). „Perfekt“ zu sein kann bedeuten, dass jemand zuverlässig, strukturiert, gründlich und verantwortungsvoll erscheint [2: 58] – alles Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft als erstrebenswert gelten.

Dinge „perfekt“ zu machen sichert uns darüber hinaus häufig positive Aufmerksamkeit. Ein Grund, warum auch Kinder aus Elternhäusern, in denen gar keine besonderen Leistungen erwartet oder Fehler bestraft wurden, perfektionistische Tendenzen ausprägen: Wenn die Aufmerksamkeit der Eltern oder eines Elternteils aus irgendwelchen Gründen Mangelware war (oder das auch nur als Kind so wahrgenommen wurde), kann es sein, dass sehr gute Leistungen oder sehr angepasstes („braves“, „liebes“) Verhalten als Strategie zur Gewinnung von Aufmerksamkeit und Zuwendung entdeckt werden. So ein Verhalten wird dann oft bis weit ins Erwachsenenalter fortgeführt ohne zu reflektieren, ob es den späteren Zielen (wie dem Verfassen einer Dissertation) überhaupt noch dienlich ist.

Negative Auswirkungen von Perfektionismus während der Doktorarbeit

Dass du ein Problem mit Perfektionismus hast, erkennst du daran, dass du dafür einen hohen Preis zahlst – dass du also negative Konsequenzen deines perfektionistischen Verhaltens spürst. Und die sind ernst zu nehmen. Denn es wurde u. a. ein Zusammenhang zwischen den bedeutendsten „Achse I“-Störungen (Depression, Angststörung, Zwänge und Essstörungen) und Perfektionismus nachgewiesen [5].

Folgende Symptome sind typisch:

Emotional:Angst, Depression, Gereiztheit, Stimmungsschwankungen, Scham- und Schuldgefühle, Konkurrenzgefühl

Physisch: Schlafschwierigkeiten, Erschöpfung, Müdigkeit, Anspannung, Verdauungsprobleme, erhöhtes Stressniveau

Kognitiv: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedankenkreisen, Grübeln, Selbstkritik, niedriger Selbstwert, ständige Vergleiche mit anderen

Verhalten: Wiederholte Kontrolle von Dingen (z. B. geschriebenen Emails), wiederholte Überarbeitung von eigentlich fertigen Dingen, unverhältnismäßig viel Zeit mit einer Aufgabe verbringen, Vermeidung von Aufgaben, Aufschieben, gestörtes Essverhalten, sozialer Rückzug

Lass dir gesagt sein von einer, die all das kennt: Es ist NICHT normal und gesund,

…dass deine Gedanken ständig um die Promotion kreisen,

…du tage- oder wochenlang und bis in die Nacht deine Texte wieder und wieder überarbeitest (in Details!) und zwanghaft korrekturliest, bevor du sie abschickst

…du Angst davor hast, Kritik oder Verbesserungsvorschläge zu bekommen,

…du dich mit anderen Doktorand:innen in einem Konkurrenzkampf fühlst,

…du dich tagelang runtermachst, weil dir irgendjemand gesagt hat, dass du einen wichtigen Text zu deinem Thema noch nicht kennst,

…du ständig erschöpft bist und dich trotzdem nicht traust, dir länger frei zu nehmen,

…du gereizt auf Hinweise deiner Umgebung reagierst, dass du eventuell ein bisschen übertreibst mit deinen Ansprüchen,

…du deine Freund:innen, Familie und deine:n Partner:in dauerhaft vernachlässigst, weil du immer etwas für die Diss zutun hast,

…du das Gefühl hast, dein Leben hängt davon ab, ob deine Diss ein summa bekommt.

All das sind deutliche Zeichen dafür, dass dich dein Perfektionismus ordentlich im Griff hat und du dir dringend Hilfe suchen solltest, bevor deine psychische und körperliche Gesundheit noch weiter darunter leiden.

Perfektionismus als Ursache von Prokrastination beim Promovieren

Ich kenne es von mir selbst und aus vielen meiner Coachings: Oft steckt hinter Prokrastination Perfektionismus [1: 5; 2: 42ff.]. Das klingt erstmal paradox, weil uns ja klar ist, dass Aufschieben in den seltensten Fällen (äh: nie!) zu besseren, geschweigedenn „perfekten“ Resultaten führt – sondern nur zu Stress und dazu, am Ende an vielen Ecken Abstriche machen zu müssen.

1. Prokrastination aus Angst vor Scheitern oder Kritik

Wenn Perfektionist:innen prokrastinieren, dann erstens, weil die Angst vor dem Scheitern oder vor Kritik sie lähmt [2: 5]. Prokrastination ist in solchen Fällen also Vermeidungsverhalten:

“Someone with perfectionism fears the worst possible outcome in their performance, and so, rather than risk being faced with that poor performance, chooses to avoid the possibility of it happening.” [2: 42].

Perfektionist:innen, die prokrastinieren, stehen unter enormem (selbstgemachten) Druck, der körperliche Stress- und Angstreaktionen auslöst. Prokrastination kann vor diesem Hintergrund als „Flight“– oder „Freeze“-Reaktion verstanden werden. Wichtig: Diese kann nicht einfach so rational „weggedacht“ werden, da sie eine körperliche Komponente hat.

2. Prokrastination aus Vermeidung von Anstrengung

Ein weiteres häufiges Motiv für Vermeidungsverhalten von Perfektionist:innen ist, dass die anstehende Aufgabe aufgrund der überhöhten Ansprüche als zu „groß“ und anstrengend erscheint. Die (vorgestellte) Beschäftigung damit wird daher als unangenehm empfunden und lieber vermieden [2: 44]. Angesichts der Komplexität, Innovativität, dem Umfang und der Dauer von Forschungsprojekten verwundert es wenig, dass im wissenschaftlichen Bereich einer Studie zufolge bis zu 70% der Befragten prokrastinieren [6].

Die Wissenschaft zieht Menschen mit perfektionistischen Tendenzen an – und verstärkt diese

Wissenschaftliches Arbeiten auf Promotions- und Postdoc-Niveau erfordert ein sehr hohes Maß an Genauigkeit, Leistungsbereitschaft und Ausdauer. Alles Eigenschaften, die Menschen mit perfektionistischen Tendenzen (also Vorstufen von Perfektionismus) mitbringen. Wissenschaftliche Projekte bieten ihnen einen idealen Rahmen, ihren Neigungen nachzugehen.

Die mit erfolgreicher wissenschaftlicher Arbeit verbundene fachliche und gesellschaftliche Anerkennung und sichtbare Auszeichnung durch beispielweise den Doktortitel zahlt zudem auf das Selbstwertkonto ein und ist deswegen sehr erstrebenswert für Perfektionist:innen.

Dabei ist die Grenze zwischen „gesunder“ wissenschaftlicher Sorgfalt und „ungesundem“ Perfektionismus oft schwer zu definieren. Was daher häufig passiert (so auch bei mir): Was am Anfang der Promotion leicht perfektionistische Tendenzen waren oder sogar nur eine schlummernde Anlage, wächst sich währenddessen zu belastendem Perfektionismus aus: Die hohen inhaltlichen und formalen Anforderungen an eine Doktorarbeit treffen auf individuelle und strukturelle Dispositionen, die sich entfalten.

Die Folge: Je länger man an der Dissertation arbeitet, desto weniger weiß man, was „genug“ ist. Schließlich gibt es immer noch mehr Literatur, die hinzugezogen werden könnte, und weitere (imaginierte) Kritik, die man vorwegnehmend entkräften könnte. „Perfekt“ gibt es also beim wissenschaftlichen Arbeiten nicht für Perfektionist:innen – ein Teufelskreis, der nicht selten ab einem gewissen Punkt zu kompletter Lähmung (siehe Prokrastination), u. U. in Verbindung mit z. B. einer Depression oder Angststörung, führt.

Hinzu kommt, dass Doktorand:innen mit perfektionistischen Tendenzen oft an ebenfalls perfektionistische Betreuer:innen geraten, die ihre überhöhten Ansprüche in Form von „außengerichtetem Perfektionismus“ entweder unreflektiert an ihre Doktorand:innen weitergeben (z. B. endlose Überarbeitungsschleifen der Diss, bevor einer Abgabe zugestimmt wird) oder mit ihrem eigenen perfektionistischem Verhalten in Sachen Forschung und z. B. auch Work-Life-Balance ungünstige Vorbilder sind. In solchen Fällen wird der Glaube, dass es nie gut genug ist, zusätzlich von außen verstärkt (sozialer Perfektionismus) und damit zur scheinbar objektiven und realen Tatsache.

Was du bei Perfektionismus beim Promovieren tun kannst

Wenn du dich in vielem hier wiedererkennst: Als Doktorand:in bist du damit nicht alleine! In rund 2/3 meiner Coachings ist Perfektionismus Thema. Die gute Nachricht: Du kannst etwas daran verändern – es gibt nachgewiesen wirksame Coaching- und Therapiestrategien, die du alleine oder mit professioneller Hilfe nutzen kannst. Im 2. Teil dieses Artikels (folgt) stelle ich dir davon ein paar vor.

Ich habe mich auf die Hilfe bei Perfektionismus bei Promovierenden und Postdocs spezialisiert und unterstütze dich gerne im Rahmen eines 1:1 Coachings, Strategien zur Überwindung zu entwickeln und umzusetzen. Schau dir gern mein Angebot „Find Your Flow“ dazu an und mach einen Termin für ein kostenloses Kennenlerngespräch aus.

Quellen:

[1] Spitzer, Nils. 2016. Perfektionismus und seine vielfältigen psychischen Folgen. Ein Leitfaden für Psychotherapie und Beratung. Berlin/Heidelberg: Springer.

[2] Shafran, Roz, Sarah Egan & Tracey Wade. 2018. Overcoming Perfectionism: A self-help guide using scientifically supported cognitive behavioural techniques. 2nd edition. London: Little, Brown Book Group.

[3] Flett, Gordon & Paul Hewitt. 2004. „The cognitive and treatment aspects of perfectionism: Introduction to the special issue.“ Journal of Rational-Emotive & Cognitive-Behavioural Therapy 22: 233-240.

[4] Somov, Pavel. 2010. Present Perfect. New York: New Harbinger.

[5] Egan, Sarah, Tracy Wade & Roz Shafran. 2011. „Perfectionism as a transdiagonisti process: a clinical review.“ Clinical Psychology Review 31: 203-212.

[6] Beck, B., S. Koons & D. Milgrim. 2000. „Correlates and consequences of behavioral procrastination: The effects of academic procrastination, self-consciousness, self-esteem and self-handicapping.” Journal of Social Behavior and Personality 15(5): 3-13.